By 18. Juni 2013 Read More →

Im Gedenken an die Opfer des Aufstandes vom 17. Juni 1953

Heute vor 60 Jahren stand die noch junge „DDR“ kopf. Am Vortag hatten im „Arbeiter- und Bauernstaat“ die Arbeiter endlich gezeigt, was sie von dem brutalen Unterdrückungssystem, in dem zu leben sie gezwungen waren, hielten. Wenn wir uns seit gestern und noch die folgendenTage an das sechzigjährige Jubiläum des Aufstandes vom 17. Juni erinnern, dann müssen wir uns zunächst die Rahmenbedingungen vor Augen führen, in denen die Ereignisse stattfanden.

Auch acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und vier Jahre nach der Gründung zweier weiterer Staaten auf deutschem Boden (bereits 1945 war in Deutsch-Österreich eine Republik gegründet worden) lag das Land noch am Boden. Der enorme Aufschwung der Wirtschaft konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß Millionen von Flüchtlingen, Vertriebenen und Ausgebombten immer noch weit unter dem Lebensstandard lebte, der selbst in Kriegszeiten für die meisten selbstverständlich gewesen war. Besonders hart war das Schicksal der Deutschen in der seit 1949 sog. DDR, wo die Willkür der sowjetischen Besatzungsherrschaft sich regelmäßig austobte.

1953 stellte insofern einen tiefen Einschnitt dar, als der sowjetische Diktator Josef „Stalin“ Dschugaschwili am 5. März gestorben war. Sofort setzte in der Sowjetunion moderate Reformbestrebungen ein: Massenmorde wurden beendet, politische Gefangene freigelassen und in der Wirtschaft der Konsumförderung mehr Raum eingeräumt. Diese Reformen sollten auch die übrigen Länder des kommunistischen Machtbereichs umsetzen. Die Führung der „DDR“ widersetzte sich jedoch und erhöhte im Gegensatz dazu die Arbeitsnormen (die Arbeiter mußten also für den gleichen Lohn mehr arbeiten), verteuerte zugleich die Lebensmittelpreise drastisch und verbot die christliche „Junge Gemeinde“ als „terroristische Organisation“. Fast alle DDR-Bürger lebten in Armut. Für das Aussprechen der Hoffnung, nach Stalins Tod werde die Lage erträglicher werden, konnte man für Jahre im Zuchthaus verschwinden. Ein Textilarbeiter aus Ostberlin z.B. mußte für ein Pfund Butter zehn Stunden arbeiten. Die Verhältnisse waren so drückend, daß alleine in den ersten fünf Monaten des Jahres 185.000 Menschen aus dem Land flohen!

Der harte Kurs der DDR-Machthaber führte seit Ende Mai 1953 zu zunehmender Empörung unter den „werktätigen Massen“, für die die Partei zu arbeiten vorgab. Unter dem Druck von unten gab die SED am 11. Juni schließlich erstmals seit ihrer Gründung Fehler zu – eine Sensation in dem Land, in dem gesungen werden mußte: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht…“ und der Anlaß für weitergehende Forderungen. Aus Unruhe wurden Demonstrationen und daraus ein Aufstand. Den wirtschaftlichen Forderungen schlossen sich bald politische an: freie gesamtdeutsche Wahlen, Abschaffung der Planwirtschaft, Abschluß eines Friedensvertrags für ganz Deutschland, Ende der Besatzung, Entlassung der politschen Gefangenen…

Gestern vor 60 Jahren flogen erstmals Steine gegen die „Volkspolizei“ und die russischen Besatzer; gingen erstmals hunderttausende auf die Straßen, um für ihre Freiheit und ihre Rechte zu kämpfen. Wie die Mächtigen reagierten, ist bekannt: die russische Militärverwaltung befahl eine Ausgangssperre, und wer sich nicht daran hielt, mußte mit dem Tod rechnen. Nicht nur schossen Sowjetsoldaten und „Volkspolizisten“ in demonstrierende Menschenmengen, sondern auch in beleuchtete Fenster, auf Kinder, Jugendliche und Frauen.

Historiker sind sich sicher: Hätte die Besatzungsmacht nicht eingegriffen, wären die wenigen Tage im Frühsommer 1953 der Anfang vom Ende des zweiten sozialistischen Staates auf deutschem Boden gewesen. Stattdessen aber wurde der Aufstand schnell und blutig niedergeschlagen, viele Aufständische flohen oder wurden eingekerkert und es sollte noch 35 Jahre dauern, bis wieder eine Protestbewegung in Mitteldeutschland aufkam.

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Die Bundeszentrale für Politische Bildung dokumentiert auf einer eigenen Netzseite die Toten des Volksaufstandes von 1953: www.17juni1953.de, mit ausführlichen Informationen zu jedem Todesfall. Wir empfehlen jedem Leser die Lektüre der oft überaus tragischen Umstände der Todesfälle. Auf dieser für die Verhältnisse der (nicht zu Unrecht) auch als „Bundeszentrale für politische Propaganda“ bezeichneten staatlichen Stelle hervorragend gemachten Seite werden allerdings auch die Namen derer aufgeführt, die als Handlanger der kommunistischen Gewaltherrscher während der Kämpfe getötet wurden. Wiewohl wir uns der Tatsache bewußt sind, daß auch diese Deutschen in die Verhältnisse des mittleren 20. Jahrhunderts geworfen waren wie viele andere auch und daß viele von ihnen geglaubt haben mochten, keine andere Wahl als die Andienung an die neuen Herrscher zu haben, damit also tragische Figuren sind, so widerstrebt es uns doch, sie mit den gefallenen Demonstranten, rechtswidrig Hingerichteten und im Gefängnis Geschundenen in einem Atemzuge zu nennen. Deshalb dokumentieren wir im folgenden nur die Namen und Sterbealter der letztgenannten Opfer –

EHRE IHREM ANGEDENKEN.

Kurt ARNDT (38)
Joachim BAUER (20)
Rudolf BERGER (40)
Horst BERNHAGEN (21)
Dora BORCHMANN (16)
Elisabeth BRÖCKER (64)
Eberhard VON CANCRIN (42)*
Kurt CRATO (42)*
Alfred DARTSCH (42)*
Alfred DIENER (26)*
Gerhard DUBIELZIG (19)
Wilhelm ERTMER (52)
Edmund EWALD (25)
Kurt FRITSCH (47)*
Willi GÖTTLING (35)*
Adolf GRATTENAUER (52)*
Ernst GROBE (49)*
August HANKE (52)
Kurt HEINRICH (44)
Margot HIRSCH (19)
Ernst JENNRICH (42)
Oskar JURKE (57)*
Herbert KAISER (40)*
Horst KEIL (18)
Johannes KÖHLER (44)
Rudolf KRAUSE (23)
Edgar KRAWETZKE (20)
Richard KUGLER (25)
Erich LANGLITZ (51)
Erich NAST (40)
Paul OCHSENBAUER (15)*
Paul OTHMA (61)*
Dr. Oskar POHL (25)
Wolfgang RÖHLING (15)
Hans RUDECK (52)
Karl RUHNKE (61)
Gerhard SANTURA (19)
Gerhard SCHMIDT (26)
Gerhard SCHULZE (41)
Rudi SCHWANDER (14)
Werner SENDSITZKY (16)
Herbert STAUCH (35)*
Hermann STIELER (33)*
Manfred STOYE (21)*
Dieter TEICH (19)
Alfred WAGENKNECHT (43)
Horst WALDE (27)*
Alfred WALTER* (33)
…sowie nicht dokumentierte Opfer in unbekannter Zahl

*(die mit Sternchen markierten getöteten wurden nicht „nur“ zufällig, z.B. als Teil einer Demonstration, getötet, sondern widersetzten sich zielgerichtet als Wortführer und Organisatoren den Machthabern oder kämpften sogar mit der Waffe gegen diese)

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