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200 Jahre Erhebung gegen die Fremdherrschaft: Erinnerung – Verpflichtung – Vorbild?

Am Mittwoch, den 17. März 1813 diktierte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen in Breslau die Aufrufe „An mein Volk“ und „An mein Kriegesheer“, die am 20. März 1813 in der „Schlesisch-privilegirten Zeitung“, einem quasi-staatlichen Blatt, erschienen. Damit gab er das Signal für den Beginn eines nationalen Freiheitskampfes gegen die Fremdherrschaft. Heute, am 200. Jahrestag dieses Ereignisses, wollen wir seiner mit einer kurzen historischen Einordnung gedenken. Dies ist der Auftakt zu einer Reihe von Beiträgen zum Jubiläumjahr, das wir nicht nur mit Texten und Buchempfehlungen, sondern auch mit Diskussions- und Vortragsveranstaltungen begleiten werden.

Auch Jahrzehnte der politisch gesteuerten Geschichtsfälschung haben es nicht vermocht, die Erinnerung an die Befreiungskriege ganz aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen. Der Aufruf „An mein Volk“ wird bei jedem Deutschen mit Geschichtssinn zumindest eine vage Erinnerung an einen Volksaufstand hervorrufen. Begriffe wie „Freikorps“, „napoleonische Herrschaft“, „Eisernes Kreuz“ und „Völkerschlacht“ tauchen vor dem geistigen Auge auf. Die Befreiungskriege sind, untrennbar verbunden mit den preußischen Reformen, eine der bedeutendsten Perioden der deutschen Geschichte gewesen.

Da die wesentlichen Zusammenhänge in den Schulen nicht mehr gelehrt werden, hier ein kurzer Rückblick auf die Jahre 1789–1812: Die Revolution hatte in mehreren Schüben über zehn Jahre hinweg gewaltiges Leid über Frankreich gebracht. Dem Bürgerkrieg in Frankreich und den Massenexekutionen sind Hunderttausende zum Opfer gefallen, während die „aufgeklärte“ europäische Intelligenz, darunter auch später ernüchterte Geister wir Schiller und Goethe, die lebensfremden Utopien der Revolutionäre noch als aufregende Neuerungen beklatschte (wer hier Parallelen zu 1917 ff., 1933 ff. und 1968 ff. sieht, ist ein ganz schlimmer Menschenfeind…). 1799 dann war als (schon von Aristoteles beobachtet und vorhergesagt!) unausweichliche Folge aus anarchisch-revolutionären Zeiten der „starke Mann“ aufgetaucht: Napoleon Bonaparte. Der hochdekorierte Artillerieoffizier aus der französischen Provinz erklärte die Revolution für beendet („abgeschlossen“ und „erfüllt“, nicht „abgebunden“ oder „besiegt“!) und einte alle Franzosen unter seinem Schwert. Selbst das königstreue Westfrankreich, in dem Adel und Bauerntum zehn Jahre lang einen blutigen Abwehrkrieg gegen die Revolutionäre geführt hatten, wurde vom neuen Diktator befriedet.

Nun wandte Napoleon sich nach außen. Bereits seit 1792 hatte das französische Revolutionsheer in Koalitionskriegen mit wechselndem Geschick gegen die Souveräne der anderen europäischen Staaten Krieg geführt. Unter Napoleon besiegte das Heer nach und nach die anderen Staaten in den fünf sog. Koalitionskriegen. Der (1804 selbsternannte) „Kaiser“ Frankreichs besetzte auf der Höhe seiner Macht fast ganz Europa zwischen Atlantik und Rußland. Lediglich England leistete, begünstigt durch seine Insellage, dauerhaften Widerstand. 1806 erfolgte dann der größte Schlag gegen das Deutsche Reich: der römische Kaiser und deutsche König wurde zum „Abdanken“ gezwungen. Dieser Schritt war zwar verfassungsrechtlich überhaupt nicht möglich und daher nichtig, hatte aber dennoch politischen Erfolg. Abgesehen vom russischen Zaren, war der selbsternannte „Kaiser“ nun der einzige Herrscher über ein Staatsgebilde, das man als Reich bezeichnen konnte; alle anderen Staaten waren unterjocht, eingebunden oder in latenter Kriegsgefahr.

Hier muß darauf hingewiesen werden, daß die Vorstellung, Napoleon habe Frieden und Zivilisation über Deutschland gebracht und es wäre gewissermaßen besser gewesen, wäre das Rheinland bei Frankreich geblieben, eine Fiktion der bundesrepublikanischen Nachkriegsideologie ist. Die Einführung einheitlicher Rechtsstandards (Code Napoléon) und fortschrittlicher Verwaltungssysteme beruhten im Wesentlichen auf dem Wunsch nach Zentralisierung und effektiver Verwaltung und griffen zudem in funktionierende, altüberlieferte Rechte-Pflichten-Beziehungen ein, ohne eine nachhaltige Verebesserung der Lebensverhältnisse zu bringen; vielmehr bereitete die Schleifung sämtlicher regionaler und lokaler Unterschiede und Hierarchien nur der Industrialisierung mit ihren massiven sozialen Verwerfunden den Weg. Vor allem aber können die Neuerungen nicht darüber hinwegtäuschen, daß die napoleonische Herrschaft keinen Frieden brachte, sondern eine diktatorische Fremdherrschaft war, in der Opposition mit Verbannung oder Hinrichtung bestraft wurde und in der deutsche Soldaten für Napoleon z.T. gegen ihre Landsleute zu kämpfen hatten. Außer in den Jahren 1798 und 1804/05 gab in Europa zwanzig Jahre lang kein Jahr ohne Krieg. In Bayern, Tirol, Spanien und Preußen hatte es Volkserhebungen und Guerilla gegeben. Es war eine blutige Zeit.

Aus dieser Lage heraus entstand mit den preußischen Reformen eine Bewegung, die für hundert Jahre Mitteleuropa beeinflussen sollte. Diese Reformen sind zu wichtig, um hier gestreift zu werden und sollen in einem anderen Artikel vorgestellt werden. 1812 schließlich spitzte sich die Lage im weitgehend besetzten Preußen militärisch zu: Napoleons Armee, die größte, die die Geschichte bis dato gesehen hatte, scheiterte in Rußland und wurde fast vollständig vernichtet. General Ludwig Yorck von Wartenburg verbündete sich daraufhin – gegen den Willen des Königs – mit der Armee des Zaren (Konvention von Tauroggen) und somit stand zum ersten Mal seit Jahren eine reguläre preußische Truppe in Gegnerschaft zum Diktator. Zusammen mit den bereits bestehenden Freikorps und natürlich der potentiell verfügbaren, inzwischen reorganisierten regulären preußischen Armee war wieder ein ernstzunehmendes militärisches Potential zum Abwehrkampf vorhanden. In dieser Situation hatte der bis dahin zögerliche König von Preußen kaum mehr eine andere Wahl, als sich an dies Spitze der Erhebung zu stellen. Am 17. März 1813 erließ er die beiden berühmt gewordenen Aufrufe, deren Text (allerdings mit einigen schwachgeistigen Begleitkommentaren) im Netz verfügbar ist unter: http://politikforen.net/archive/index.php/t-135008.html.

Da der zweite Aufruf „An mein Kriegesheer“ sehr viel weniger bekannt ist, präsentieren wir hier einige markante Sätze:

„Des Einzelnen Ehrgeiz – er sey der Höchste oder der Geringste im Heere – verschwinde in dem Ganzen: Wer für das Vaterland fühlt, denkt nicht an sich.“

„Der Sieg geht aus von Gott! Zeigt Euch seines hohen Schutzes würdig durch Gehorsam und Pflichterfüllung.“

„Folgt dem Beispiel Eurer Vorfahren; seyd ihrer würdig und Eurer Nachkommen eingedenk!“

Dieser Aufruf und die Kriegserklärung an Frankreich vom selben Tag waren der Beginn des Freiheitskampfes, der Anfang vom Ende der siebenjährigen napoleonischen Herrschaft über Preußen, die Vorbedingung für nationale Einheit mit weitreichenden Folgen bis 1848 und 1871, die Begründung des Volksheeres in Deutschland und auch die Begründung einer fast hundertjährigen kameradschaftlichen Vetrauensbeziehung zwischen Preußen und Rußland.

 

Was bleibt nach 200 Jahren? Wir werden dieser Frage am Jahresende nachgehen. Für heute nur so viel: erneut ist Deutschland in größter Bedrängnis, erneut steht es – nunmehr schon seit Jahrzehnten – unter Fremdherrschaft. Ein Stein, Humboldt oder Hardenberg ist nicht in Sicht, ein Yorck, Gneisenau oder Scharnhorst schon gar nicht. Auf absehbare Zeit wird kein preußischer Amtsträger oder gar König mehr in Breslau irgendetwas unterzeichnen können. Königtum, preußisches Staatsverständnis und mit ihnen das ganze Ostdeutschland entschwindet dem kollektiven Gedächtnis. Das Volk ist demoralisiert, geistig verwahrlost und wehruntüchtig.

Vor der Befreiung nach außen steht immer die Befreiung nach innen. Wer wird zum Nachfolger der Reformer und Freiheitskämpfer?

(Literaturhinweis: Das aktuelle Heft der Zeitschrift „Militär und Geschichte“, #68, enthält einen langen und ansprechenden Beitrag zum Thema; darin befindet sich auch ein Faksimile der beiden Aufrufe. Das Heft, das es in jedem Bahnhofskiosk gibt, kostet 3,50 €)

(Veranstaltungshinweis: Das Institut für Staatspolitik veranstaltet am 13. April ein Berliner Kolleg zum Thema „1813–1913–2013: Mut zur Geschichte“, daß für alle an Deutschlands Zukunft interessierten Leser zum Pflichtprogramm in diesem Jahr gehören dürfte. Informationen hier: http://www.sezession.de/37015/22-berliner-kolleg-mut-zur-geschichte-1813-1913-2013.html)

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