By 10. Oktober 2012 Read More →

Weißmann vs. Stürzenberger – Wie gefährlich ist der Islam?

Die bislang nachhaltigste Folge der ersten „Zwischentag“-Messe in Berlin ist eine anhaltende, sehr heftige Diskussion über den Islam. Auslöser war eine Diskussion zwischen Dr. K. Weißmann und M. Stürzenberger über die Frage, ob nun der Islam der Feind sei oder nicht. Weißmann folgend, diskutieren und streiten viele Leser von IfS, Sezession und Blaue Narzisse seit nunmehr zwei Tagen mit den Aktivisten und „Bloggern“ aus dem Umfeld von pi-news, diverser islamkritischer Parteien und der German Defence League.

Diese Debatte ist Grund genug für einen Zwischenruf aus Stuttgart, geschrieben unter dem noch frischen Eindruck der Veranstaltung, an der mehrere unserer Mitstreiter teilnehmen konnten.

Beide Positionen sind schnell skizziert:

Die Gruppe um Stürzenberger argumentiert mit dem, was sie als westliche Wertegemeinschaft versteht, vom Grundgesetz und den Menschenrechten her. Integration wird als möglicher Prozeß begriffen, dem der Islam strukturell im Wege steht. Der Koran und damit das Fundament der islamischen Kultur seien mit einer modernen Gesellschaft grundsätzlich unvereinbar und daher müsse ein moderner Staat den Kampf gegen die „faschistische Ideologie“ (Stürzenberger) der Moslems aufnehmen.

Auf der anderen Seite behaupten die Konservativen der sog. Neuen Rechten, zu der auch wir uns zählen, daß der Islam nicht die Krankheit unserer Kultur sei, sondern nur deren Symptom. Schuld an der europäischen Misere sei der Liberalismus, der sich der Masseneinwanderung bediene, um an billige Arbeitskräfte zu kommen. Der Islam sei als Religion an sich nicht gefährlich, sondern nur in der Konfrontation mit einer nicht abwehrbereiten Gesellschaft. Die Berufung auf den „Westen“ hält diese Fraktion für einen schweren Irrtum, weil gerade die liberal geprägte moderne Massengesellschaft erst die Voraussetzungen für einen „Zusammenprall der Kulturen“ schaffe.

Wir wollen uns heute aber nicht auf die bereits uferlose Diskussion auf den Seiten der BN und von pi-news einlassen. Statt dessen möchten wir anbieten, was not tut: eine echte Perspektive für eine Zusammenarbeit.

In der noch laufenden Diskussion ging es sehr bald nicht mehr um Grundsätzliches, sondern die Teilnehmer fingen – wie leider üblich – an, sich gegenseitig mit Kleinigkeiten aufzuhalten. Die Frage, ob Israel nun ein bösartiger Aggressor oder ein friedliebendes Opfer ist, scheint genausoviel Diskussionsbedarf zu liefern wie die bedauernswerten Schicksale moslemischer Ehrenmordopfer oder die Frage nach dem Wohlwollen der USA. Allen diesen Themen ist gemeinsam, daß

  1. sie seit Jahren, zum Teil seit Jahrzehnten diskutiert werden,
  2. die Diskutanten in dieser Zeit keinen Schritt aufeinander zu gemacht haben und
  3. diese Themen sämtliche Diskussionsteilnehmer höchst effektiv davon abhalten, sich um das EIGENE zu kümmern.

Das nämlich war aus unserer Sicht der entscheidende Punkt in Weißmanns Argumentation: er sagte, er habe überhaupt kein Interesse daran, irgendwelche Leute irgendwo auf der Welt von ihren Problemen zu befreien. Unserer Meinung nach wird im nonkonformen deutschen Meinungsspektrum zu wenig die Gemeinsamkeit im Kampf um das Eigene gesehen, was wir hier kurz darlegen wollen.

Das deutsche Volk zeichnet sich durch einen ungeheuren Drang zur Pluralisierung aus. Der alte Scherz „Was tun zwei Deutsche, wenn sie sich treffen? – Sie gründen einen Verein“ mag dem deutschen Vereinsrecht widersprechen, enthält aber sehr viel Wahrheit. Nirgendwo war und ist der Drang, sich mit Kleinigkeiten zu befassen, das Fremde zu bewundern und sich von anderen abzugrenzen, so groß wie in unserem Volk. Das hat zur Folge, daß, metaphorisch gesprochen, aus ein und demselben Boden sehr verschiedene Blumen wachsen. Es dürfte kein ethnisch homogenes Land auf der Erde geben, in der die Wahrscheinlichkeit, daß zwei miteinander aufgewachsene Nachbarskinder als Erwachsene zu ideologischen Todfeinden werden, so groß ist wie bei uns Deutschen. Aus dieser Perspektive betrachtet tun die „Weißmannfraktion“ und die „Stürzenbergerfraktion“ dasselbe: sie bemühen sich, das zu schützen, was ihnen gehört – bloß ist das für den einen die BRD des Grundgesetzes in der westlichen Wertegemeinschaft, für den anderen ist es das deutsche Volk in seinem eigenen Nationalstaat.

Und nun das Entscheidende: betrachtet man die Kontroverse gewissermaßen „von oben“, so erkennt man, daß diese Positionen einander hier und jetzt NICHT widersprechen. In der konkreten Situation des heutigen Tages ist der deutsche Nationalstaat die BRD, ist das deutsche Volk in vielfältiger Weise eingespannt in den Rahmen einer westlichen Wertegemeinschaft, ist die überlieferte Tradition und Kultur vom Fremden bedroht. Ob dieses Fremde nun „der Islam“ ist (so Stürzenberger) oder dessen orientalische Trägervölker in einer für sie fremden Umgebung (so Weißmann), spielt solange überhaupt keine Rolle, wie der Staat nicht in der Lage oder nicht willens ist, auf die Fremden mit harter Hand einzuwirken und das Eigene ihnen gegenüber durchzusetzen. Was er im Moment offensichtlich nicht ist.

Was folgt daraus? Die beiden Gruppen müssen dringend aufhören, aufeinander einzuhacken und das Bild vom jeweils anderen durch Klischees prägen zu lassen. Man kann in einer Kontroverse die Dinge positiv oder negativ ausdrücken. Wer erkennt, daß der „elitäre abgehobene Konservative in seinem Elfenbeinturm“ vielleicht deshalb nicht wöchentlich Plakate klebt, weil er wichtige Dinge über die Funktionsweise des politischen Systems gelernt hat (IfS-Studie Parteigründung von rechts), der kann vielleicht selbst auch etwas lernen. Wer erkennt, daß der „naive Agitator auf der Straße“ sein ganzes Herzblut und seine Tatkraft, auch sein Ansehen in der Gesellschaft aufs Spiel setzt, weil er Angst um die gewachsenen Institutionen hat, der überlegt vielleicht noch einmal, ob das Verweilen im Stand der „Wahrnehmungselite“ wirklich zukunftsfähig ist.

Die Aktivisten rund um pi-news sind Praktiker, die zur Politik hin streben und ohne metapolitisch-analytischen Überbau verloren sind. Sie werden scheitern wie so viele Initiativen vor ihnen, von denen sie gar nichts wissen. Es sind Praktiker auf der Suche nach einer tragfähigen Theorie.

Die Konservativen der Neuen Rechten haben in den letzten Jahren große Fortschritte in der Abgrenzung vom Liberalismus gemacht. Sie stehen davor, ein echtes, politikfähiges Welterklärungsmodell zu entwickeln, daß die Erfahrungen aus der Vergangenheit in die Zukunft fortschreibt. Dabei sind sie oft erschreckend weit von der Alltagswirklichkeit des „Otto Normalverbraucher“ entfernt, der sich für Spengler und Mohler herzlich wenig interessiert, sondern ein konkretes Problem weniger erklärt als vielmehr gelöst haben möchte. Es sind Theoretiker auf der Suche nach tatkräftigen Praktikern.

Dämmert es nun?

Wir möchten in diesem Sinne allen Beteiligten ein paar Gedanken mit auf den Weg geben:

Den Konservativen:

„Erkenne die Lage!“ sagt Carl Schmitt. Tut die Neue Rechte das wirklich? Oder hofft nicht doch mancher Denker nach der endgültigen inneren Lösung von jedem Gedanken an eine Hoffnung aus der CDU/CSU, daß „das System“ einfach möglichst schnell zusammenbrechen möge? Und was dann? Werden die umerzogenen, saturierten, verfetteten Deutschen dann „endlich aufwachen“? Viel Vergnügen. Die heutige Situation, angesichts der Geburtenraten in die Zukunft verlängert, wird kein widerstandsfähiges Volk mehr übrig lassen. Jetzt ist die Stunde, nicht irgendwann in der Zukunft. Die Aktivisten von pi-news & Co. kämpfen den gleichen Kampf wie die Konservativen. Oder, da militärische Ausdrücke so beliebt sind in diesen Kreisen: Andere Einheit, aber gleiche Truppe. Wenn es da Übertreibungen, Vereinfachungen und Radikalität gibt, liegt das vielleicht nicht an der Sache, sondern an der Unerfahrenheit der Leute. Erziehung und Vorbild wäre hier ein besseres Mittel der Einwirkung als Naserümpfen, Überheblichkeit und Abgrenzung.

Es werden Einwände kommen: die liberalen Islamkritiker seien doch in Wahrheit islamkritische Liberale und daher Teil des Problems, das sie vorgeblich bekämpfen. Aber in diesem Einwand drückt sich nur aus, daß viele Konservative sich selbst das Blickfeld versperren: in unserer heutigen, öffentlich-politisch neoliberal und kulturell sozialistisch geprägten Zeit ist es ungeheuer aufwendig, zu einem konservativen Weltbild zu gelangen. Ein besorgter Bürger wird sich zunächst Sachproblemen zuwenden und diese nachvollziehbarerweise mit den ihm zur Verfügung stehenden weltanschaulichen Modellen grundieren. Erneut: Erziehung und Vorbild! Es steht jedem Konservativen frei, seine Erklärungen abzugeben und durch (grundsätzlich-philosophische, nicht politische!) Argumentation zu überzeugen. Oder: die Argumente und Kontroversen schlicht einmal beiseite zu schieben und dort mit anzupacken, wo gemeinsam ein drängendes Problem gelöst werden kann.

Den liberalen Islamkritikern:

Wer im Elfenbeinturm sitzt, hat dafür meistens einen Grund. In der Regel ist langes Nachdenken und langes Abwägen nötig, ehe man unter Bedenken darauf verzichtet, das Naheliegende zu tun, sich zu wehren und aktiv zu sein. Enttäuschung spielt dabei sicherlich oft eine Rolle. Wer selbst die Erfahrung gemacht hat, in angeblich freien Medien nicht zu Wort zu kommen, der bezweifelt irgendwann nicht nur die Freiheit der Medien, sondern in der Folge auch die generelle Möglichkeit von Herrschaftsfreiheit sowie die Befähigung der allermeisten Menschen zur Selbstbestimmung. Die Folge ist eine tiefe Skepsis gegenüber politischem Handeln in der Massengesellschaft. Politische Aktivisten, die sich und ihre Tatkraft nicht kurzfristig verbrennen wollen, können von den Theoretikern Geduld, Maß und nicht zuletzt Skepsis gegenüber den eigenen Möglichkeiten lernen. Realismus heißt zunächst Kenntnis von den herrschenden Verhältnissen und den Machtstrategien der Herrschenden, mit denen Konservative seit Jahrzehnten Erfahrung haben und nicht erst seit September 2001. Lern- und Bildungsbereitschaft verspricht hier mehr Erfolg als die Hoffnung auf die Stärke des eigenen Willens.

Ich versichere jedem Interessierten, daß die Befassung mit den Geisteslieblingen der Theoretiker, mit Gehlen, Lorenz, Schmitt usw., keine Zeitverschwendung oder ein Sich-Aufhalten mit Unwesentlichem ist. Im Gegenteil kann die Theorie für eine wirksamere Praxis sorgen: Vom Willen zum Wissen, vom Wissen zum Wirken.

Allen:

Laßt Israel und sämtliche anderen Orientalen doch einen Moment den Orient sein, die kämpfen ihren Kampf auch ohne euch. Auch den Zweiten Weltkrieg müssen wir nicht noch einmal verlieren oder im Nachhinein doch noch gewinnen, das spielt alles keine Rolle mehr.

Hier und heute sollte jeder sich in der publizistischen Wirklichkeit genau umsehen. Nicht mehr die Zustimmungsfähigkeit der Gedanken des anderen spielt heute eine Rolle. Ein kluger Mensch sagte uns einmal: „Ich bin bereit, mit jedem zusammenzuarbeiten, der in 20 oder 30 Jahren mein Zellengenosse im KZ sein könnte.“ So ist es! Alle sind wir einig, daß es wie bisher nicht weitergehen kann, also Schluß mit den Detaildiskussionen um Stauffenberg, Afghanistan oder den Verfassungsschutz und ran an die Arbeit! Schluß auch mit den Abgrenzungen nach allen Seiten – wenn es gegen einen übermächtigen Gegner geht, der kein Pardon gibt, dann bleibt kein Platz für Bedenken.

Wer…

…sich in einem Lager von Christen und Atheisten, Libertären und Reaktionären, Atlantikern und Eurasiern, Reichsbürgern und Pragmatikern usw. bewegt, das offensichtlich nur von einem zusammengehalten wird: dem gemeinsamen Willen, das Eigene nicht aufzugeben,

…für die Etablierten, besonders für die Massenmedien, ohnehin der „Nazi“ ist, egal, was er sagt oder tut,

…ernsthafte Sorge darum haben muß, seinen Enkeln noch eine Heimat vererben zu können,

…der kann sich eines ganz sicherlich nicht länger leisten: Uneinigkeit. Wenn Linke „gegen rechts“ marschieren, dann ist es egal, welche erbitterten Feindschaften zwischen den verschiedenen Gruppen bestehen – man hält zusammen. Politikfähig ist im Moment weder die eine noch die andere Gruppe. Wenn alle Beteiligten aber erkennen, daß ihre Positionen mit einander verbunden werden können, kann hieraus ein wirklich durchsetzungsfähiges Lager entstehen. Das Vorbild ist Österreich! Glaubt denn jemand ernsthaft, die FPÖ komme ohne Vereinfachungen bis zur Hirnverbranntheit aus, ohne Korruption, ohne peinliche Skandale? Alles dies ist in der Politik unvermeidbar. Oder glaubt jemand, sie sei ohne Akademiker, ohne Bildung und Schulung des Nachwuchses, ohne Kenntnis der geistigen Grundlagen des Abendlandes erfolgreich? In der Verbindung aus beidem erreichte diese Partei in unserem südostdeutschen Nachbarstaat bei der letzten Landtagswahl in Wien über ein Viertel aller Stimmen. Pro NRW kommt derweil auf ganze 1,5 % der Stimmen.

Vielleicht war der erste Zwischentag ja der Anfang einer Bewegung aufeinander zu, die schließlich in das Entstehen eines weniger zersplitterten nonkonformen, identitären oder nationalen Lagers mündet. Uns allen, allen Deutschen, wäre es zu wünschen.

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