By 19. August 2012 Read More →

Verantwortung und Autorität

Der amerikanische Sci-Fi-Autor Robert A. Heinlein bringt die Dualität von Autorität und Verantwortung auf den Punkt (aus Sternenkrieger, 1959):

Major Reid hielt inne und tastete über das Zifferblatt einer altmodischen Uhr, „las“ ihre Zeiger. „Die Stunde ist fast um, und wir müssen noch den moralischen Grund für unseren Erfolg in unserer Selbstregierung finden. Jedenfalls ist ein andauernder Erfolg niemals Sache des Zufalls. Denken Sie daran, daß wir wissenschaftlich arbeiten und kein Wunschdenken pflegen; das Universum ist, was es ist, nicht was wir wollen, daß es sein soll. Wählen bedeutet Autorität ausüben; es ist höchste Autorität, von der alle anderen Autoritäten sich ableiten – wie zum Beispiel meine, euch einmal am Tag das Leben zu versauern. Gewalt, wenn Sie es denn so wollen! – das Wahlrecht ist Gewalt, nackt und roh, die Gewalt des Rutenbündels und der Axt. Ob sie nun von zehn Männern oder von zehn Milliarden ausgeübt wird – politische Autorität ist Gewalt. Doch dieses Universum besteht aus polaren Dualitäten. Was ist das Gegenteil von Autorität? Mr. Rico?“

Er hatte eine Frage gewählt, die ich beantworten konnte: „Verantwortung, Sir.“

„Applaus. Sowohl aus praktischen Gründen wie aus mathematisch nachweisbar moralischen Gründen müssen Autorität und Verantwortung gleich groß sein – weil sich sonst die Ungleichheit so aus balancieren muß, wie ein Strom zwischen zwei Punkten ungleicher Feldstärken fließt. Eine Autorität zu gestatten, die sich nicht verantworten muß, heißt Unglück säen. Einen Mann für etwas verantwortlich zu machen, worüber er keine Kontrolle besitzt, bedeutet, sich wie ein blinder Idiot zu verhalten. Die unbegrenzten Demokratien waren instabil, weil ihre Bürger nicht für die Art verantwortlich waren, in der sie ihre souveräne Autorität ausübten… außer, daß sie sich der tragischen Logik der Geschichte beugen mußten. Die einmalige ‚Wahlsteuer’, die wir bezahlen müssen, kannten sie nicht. Kein Versuch wurde unternommen, zu bestimmen, ob ein Wähler bis zum Grade seiner buchstäblich unbeschränkten Autorität sozial verantwortlich war. Wenn er das Unmögliche wählte, trat dafür das katastrophal Mögliche ein, und die Verantwortung wurde ihm dann, ob er wollte oder nicht, aufgezwungen und zerstörte ihn und seinen auf Sand gebauten Tempel.

Oberflächlich betrachtet, unterscheidet sich unser System nur geringfügig von der Volkssouveränität alter Prägung. Wir haben eine unbeschränkte Demokratie ohne Unterschied der Rasse, der Hautfarbe, des Glaubens, der Geburt, des Vermögens, des Geschlechtes oder der Überzeugung, und jeder kann die souveräne Gewalt durch eine verhältnismäßig kurze und nicht zu anstrengende Dienstzeit erringen – nicht viel mehr als eine leichte Trainingsstunde im Vergleich zu unseren Höhlenmenschen-Vorfahren. Aber der kleine Unterschied besteht zwischen einem System, das funktioniert, weil es sich nach den Tatsachen richtet, und einem, das schon instabil auf die Welt kommt. Da das souveräne Wahlrecht die höchste menschliche Autorität darstellt, sorgen wir dafür, daß alle, die es ausüben, auch die höchste soziale Verantwortung übernehmen – wir verlangen, daß jede Person, die Kontrolle über den Staat auszuüben wünscht, ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt – und es verliert, falls das nötig sein sollte – um das Leben des Staates zu retten. Die höchste Verantwortung , die ein Mensch übernehmen kann, ist so der höchsten Autorität, die ein Mensch ausüben kann, gleichgesetzt. Yin und Yang, perfekt und gleich.“

Posted in: Kommentar

Comments are closed.