By 22. Juli 2011 Read More →

20. Juli

Heute vor 67 Jahren detonierte im „Führerhauptquartier Wolfsschanze“ bei Rastenburg (Ostpreußen) eine Bombe, die den Reichskanzler Adolf Hitler hätte töten sollen. Die Vorgänge der folgenden Tage sind bekannt: die hinter dem Attentat stehenden Verschwörer um den Oberst i. G. Claus Schenk Graf von Stauffenberg versuchten in Ungewißheit über Hitlers Schicksal die Macht in Berlin durch einen Militärputsch an sich zu reißen. Der Plan scheiterte und die meisten der Verschwörer wurden hingerichtet, ihre Familien in Sippenhaft genommen und Repressalien ausgesetzt. Insgesamt fanden etwa 200 Menschen wegen Beteiligung oder Mitwisserschaft den Tod.

Ich will heute nicht die Geschichte dieser Männer und wenigen Frauen nacherzählen – auch wenn in unseren Schulen und Universitäten, im öffentlichen Raum ebenso wie im privaten Kreis die Taten und Gedanken der Attentäter immer noch viel zu wenig bekannt sind. Statt dessen seien hier einige Gedanken über den Geist des Widerstandes ausgesprochen.

Dem deutschen Volk in seiner heutigen Gestalt ist der Umgang mit Helden unangenehm – Geschichtslehrer und Fernsehdokumentationen, altkluge Kommentare in den Alltagszeitungen und besserwisserische Spötteleien der Volkspädagogen haben uns „beigebracht“, daß es so etwas wie „große Männer“ nicht gebe. „In Wirklichkeit“ sei der Mensch doch nur durch seine Umwelt, vor allem die Gesellschaft, die ihn umgibt, handlungsfähig. Geschichte, so heißt es heute, werde nicht von willens- und charakterstarken Einzelpersönlichkeiten gemacht, sondern von „Strukturen“, „Systemen“ und neuerdings von „der Zivilgesellschaft“.
Allerdings lebt diese Argumentation von der Vorstellung, es gebe immer eine Opposition und damit immer Gruppen, die öffentlich Widerstand organisieren und unterstützen können. Genau das ist in einer gleichgeschalteten Gesellschaft aber nicht der Fall. Im Jahre 1944 hatte keine Opposition die elfeinhalb Jahre Herrschaft der nationalen Sozialisten überlebt, die nun hätte öffentlich Widerstand leisten können. Eine widerständige Gesellschaft existierte nicht. Dem Volk, der Masse war Gehorsam befohlen worden und unter der latenten Drohung von Gewaltanwendung wurde zumindest nach außen hin gehorcht.
Ein widerständiger Geist war jedoch in kleinen Kreisen lebendig geblieben, die man heute „elitär“ nennen würde – genau wie damals. 1944 wie 2011 galt „Elite“ in ihrem eigentlichen Sinn als Schimpfwort, denn nicht elitär hatte „man“ als gehorsamer Bürger zu sein, sondern angepaßt und die Gedanken der Großen und viel Klügeren nachdenkend. Die adligen Offiziere, aus denen der Stauffenberg-Kreis zu einem großen Teil bestand, waren nach „altmodischen“ Gesichtspunkten erzogen worden: Anstand, unbedingte Ehrlichkeit, Pflichterfüllung. Ihr Gewissen wurde ihnen nicht anerzogen, sondern es hatte sich herauszubilden. Nur, wenn man im Hinterkopf hat, welcher Unterschied zwischen den ethischen Prinzipien dieser Elite des Geistes und der Moral auf der einen Seite und der herrschenden Funktionselite auf der anderen Seite bestand, kann man ahnen, welche Last es ihnen bedeutet haben muß, im nationalsozialistischen Staat der Herrschaft des Pöbels zu leben. Welche Gewissensnot sie plagte, als sie zwischen ihrem militärischen Eid auf Hitler und ihrer gefühlten anderen Pflicht gegenüber ihrem Land und ihrem Volk zu wählen hatten. Am Grab des Unbekannten Soldaten in Paris rezitierte der spätere Verschwörer Henning von Tresckow ein Gedicht von Schleiermacher:

„Dies sei mein Ruhm, den ich suche:
zu wissen,
daß eine Stelle kommt auf meinem Wege,
die mich verschlingt.
Und doch an mir und um mich nichts zu ändern,
wenn ich sie sehe,
und nicht zu zögern meinen Schritt.“

Wer denkt heute noch so? Wer kann heute überhaupt noch so denken? Nach Jahrzehnten der Umerziehung und des Materialismus ist uns ein derartig von persönlicher Integrität, Pflichtbewußtsein und Aufopferungsbereitschaft geprägtes Denken fremd geworden. Was, wenn heute ein neuer Totalitarismus käme und seine gierigen Finger nach den Seelen der Deutschen ausstreckte? Was, wenn er schon längst da ist? Wer sollte diesmal Widerstand leisten?

Es ist die persönliche Verantwortung des Einzelnen vor seinem Gewissen und den von ihm als gültig anerkannten Wahrheiten und Rechtssätzen, an die wir uns heute erinnern. Niemand wird uns vordenken, was richtig ist. Niemand wird für uns handeln. Wenn wir heute dunkle Wolken am Horizont unseres Vaterlandes sehen, wenn wir glauben, daß die zucht- und sittenlose Funktionselite über uns nicht das ethische und nicht einmal das intellektuelle Maß besitzt, für unsere Zukunft und die unserer Kinder vorzusorgen, dann müssen wir in Wort und Tat selbst dafür einstehen, daß sich dieser unerträgliche Zustand ändert. Der „Geist der Freiheit“, den die Attentäter des 20. Juli 1944 bewiesen, erinnert uns an unsere eigene Verantwortung. Ihr Opfergang gemahnt uns aber auch an den Preis, den die Freiheit kostet.

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